07 - Recherchen

WM 2006: Panoptismus im Leipziger Zentralstadion

stadion_leipzig_02Bei der zeitgenössischen Fußballstadienarchitektur hätte der von der Aufklärung beseelte Erfinder des Panopticons Jeremy Bentham wohl vor Begeisterung gejubelt. Sein Panopticon sollte als ringförmiges Gebäude, in dem die Wärter alles und alle sehen, das Modell für Zucht-, Arbeits- und Schulhäuser abgeben. Im Panopticon hatte jedes Subjekt seine Einzelzelle. Die Fußballfans von heute sind in vier Sektoren A, B, C und D gepfercht. Seit kurzem Verschwinden die Stehplätze zugunsten der Sitzschalen. Dahinter steckt durchaus erzieherisches Kalkül. Die tobenden Fanmassen werden, durch die Sitze vereinzelt und an Bewegungen gehindert. Wer aufspringt und grölt, wird sich über kurz oder lang den Hals brechen. Auch die Stadien sind ringförmige Gebäude in denen unsichtbare Wärter im Raum der Polizeiaufsicht an zwei Bedienplätzen auf acht Farbmonitoren, im Raum des Stadionsprechers und beim Brandschutzbeauftragten alles sehen. Honeywell Security Deutschland installierte im Leipziger Zentralstadion in „allen Stadien- und Vorfeldbereichen insgesamt 68 hochauflösende Farbkameras“. „Die ausgewählten Zoomobjektive mit langer Brennweite erlauben eine lückenlose Überwachung aller Tribünenplätze mit großformatigen Darstellungen der Personen.“[1] Elke Weiße, ehemalige Geschäftsstellenleiterin des FC Sachsen Leipzig, beschrieb die Technik griffiger in der Provinzpostille hallo Leipzig! zur Eröffnung 2004:

„Die Videoüberwachung klappt bereits vorzüglich. Wenn jemand gähnt, kann man problemlos die Goldkrone sehen“, so die Geschäftstellenleiterin belustigt. „Das Sicherheitsaufgebot wird so groß sein, dass der Polizei schon derjenige auffällt, der den Arm hebt“, spitzt es der Vize-Manager Uwe Thomas zu. [2]

Dank Lichtwellenleiter können sogar Aufnahmen mobiler Polizeikamerateams und der Polizeikameras aus der Innenstadt in die Videozentrale übertragen werden. Das digitale System erlaubt „zeitnahe Ausdrucke von aktuellen Aufnahmen auf einem Drucker zu erstellen“ und die Sicherung der Aufnahmen auf CD-Rom-Datenträgern.[3] Wenn es sich dabei nur um das Bild der Goldkrone handelt, ist der Stadionbesuch glimpflich verlaufen. Denn nach Sachsen-Justizminister Geert Mackenroths (CDU) Aussage soll hinter dem Polizisten gleich noch ein Staatsanwalt, „der Haftbefehle beantragt oder Durchsuchungen durchführt“, und ein Richter sitzen. Das Fernziel sei „dass bei leichteren Vergehen der Täter nach dem Schlusspfiff seine Strafe bekommen habe.“, äußerte der Minister gegenüber der Presse.[4]
Digitale Bildaufzeichnung ist auch offen für immer neue programmierte Fähigkeiten. Der ehemalige SPD-Innenminister Otto Schily hat biometrische Erkennungssoftware zur WM bereits im Mai 2005 auf einer Pressekonferenz angekündigt.[5] Die Dresdner Firma Cognitec hat im holländischen Stadion des PSV Eindhoven ein biometrisches Gesichtserkennungsverfahren getestet. Diese Systeme melden dann automatisch Alarm, wenn sie ein Gesicht erkennen, dass in einer entsprechenden Datei gespeichert ist. Dabei kann es sich um bekannte GewalttäterInnen handeln, doch sehr häufig geraten Personen hinein, gegen die nur vage oder unhaltbare Verdachtsmomente bestehen. Gerichtlich geregelt ist dieser Bereich selten. Dass sensibler Software Fehler unterlaufen, kommt da noch hinzu. Was hier gebaut und geplant wird, sind gedankliche Fehlgeburten von politischen PopulistInnen und technischen, juristischen und politischen TechnokratInnen, die oft nicht sonderlich mit dem korrespondieren, was tatsächlich technisch oder juristisch machbar, geschweige denn sinnvoll ist. Für die, die immer noch glauben, dass Videoüberwachung eine - wie auch immer verstandene - Sicherheit erhöhe, sei darauf hingewiesen, dass diese Technik bei weitem nicht die Ziele erreicht, die ihre BefürworterInnen behaupten. Britische Studien sprechen aus, was vielen schon klar ist: „Videoüberwachung hat keine Auswirkung auf Gewaltverbrechen.“ Denn diese werden entweder im Rausch oder Affekt begangen oder geplant, und dann an unüberwachter Stelle oder maskiert.
Jeremy Benthams panoptisches Prinzip baute darauf, dass sich die Eingesperrten normgerecht verhielten, weil sie nicht wissen, ob Sie gerade der kontrollierende Blick trifft oder nicht. Gesellschaftliche Machtverhältnisse werden dabei durch die Architektur und die eigene Normanpassung reproduziert. Ihr Ziel haben die Architekten und Technokraten schon erreicht. Das zentrale Sicherheitsproblem der Stadien ist beseitigt, denn der Masse der einkommensschwachen Fußballfans kommt durch die hohen Preise und die Modalitäten der Ticketvergabe nicht mehr ins Stadion. Die Lust würde ihnen dort auch vergehen, da sie auf den Schalensitzen festsitzen und sich nicht bewegen können. Bier ist auch verboten. Die Ränge sind frei für die FunktionärInnen, Sponsoren und PartnerInnen der FIFA.

[1] www.pro-4-pro.com/de/Security/Company-4248149/4248149_2_gsm0404.html, download 3.12.05
[2] hallo! Leipzig, März 2004, S. 17
[3] www.pro-4-pro.com/de/Security/Company-4248149/4248149_2_gsm0404.html, download 3.12.05
[4] www.netzeitung.de/servlets/page?section=704&item=333232 (9.4.05), download 3.12.05
[5] www.heise.de/newsticker/meldung/print/59911 (25.5.05), download 3.12.05

Details auf der Seite von Honeywell Security:
//www.honeywell-security.de/presse_news.php?id_anzeige=9
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WM 2006: Tickets – Personalisierung & RFID

stoprfid-logo_grossMit dem Verkauf der 3,2 Millionen Tickets wird die FIFA einen riesigen Umsatz machen. Doch damit nicht genug, denn der DFB, der den Kartenverkauf für die FIFA in der BRD organisiert, hat sich ein besonderes Prozedere ausgedacht. Die Tickets sollen personalisiert werden. Erstens damit nur die WM-OrganisatorInnen und keine weiteren SubhändlerInnen Geschäfte mit den Tickets machen, zweitens damit sogenannte „erlebnisorientierte“ Fans nicht ins Stadion gelangen.
Wer zu Gast bei Freunden sein möchte, musste sein Ticket über ein Online-Formular beantragen. Dabei musste ein komplettes Persönlichkeitsprofil angeben werden. Das waren Name und Vorname, Adresse, Geburtsdatum, Nummer des Personalausweises oder Reisepasses, Ausstellungsland des Ausweises oder Passes, Nationalität, Telefonnummer (freiwillig), Email, die Spiele, für die die Karte(n) bestellt wurden, und die Preiskategorie, der Name des favorisierten Vereins, Bank- oder Kreditkartendaten, Angaben von Zusatzbestellungen für andere Personen.[1] Das taten ungefähr 30 bis 40 Millionen Personen seit März 2005. Aus dieser Datenbank wählte das WM-Organisationskomitee die KäuferInnen aus. Dabei wurden die Daten mit DFB-eigenen Datenbanken und Polizeidatenbanken abgeglichen, um im Vorfeld Gewalttäter und gewaltbereite Hooligans aus den Stadien auszuschließen. Wer die Realität kennt, weiß, dass viele so zu unrecht ausgeschlossen wurden. Die Daten derjenigen, die nicht ausdrücklich dagegen widersprochen haben, können zu kommerziellen Zwecken an die wirtschaftlichen Partner der FIFA weitergegeben werden. Widersprochen haben sicher die Wenigsten. Der FIFA fällt somit eine nahezu vollständige Datei der fußballbegeisterten Bevölkerung der Bundesrepublik in die Hände. Ein vollständiger Datensatz einer Person hat auf dem Datenmarkt einen Wert von bis zu 1,50 EURO. Also ein Geschäft, das sich lohnt. Sicher wird es nicht bei einem einmaligen Verkauf bleiben, da sich das Marktforschungsgewerbe dadurch die Datenbanken runderneuern kann. Millionen dürfen sich also über unerwünschte Post, Emails, Anrufe aus Call-Centern und Hausbesuche freuen.
Doch damit nicht genug. Diejenigen 3,2 Millionen Unglücklichen, die das Glück hatten, in den Genuss eines personalisierten Tickets zu kommen, werden zu Kaninchen des größten Feldversuches zur Einführung der sogenannten RFID-Chips (Radio Frequency Identification), mit dem Philips endlich die neue Technologie markt- und gesellschaftsfähig machen möchte. Die ProbantInnen klärt man natürlich, wie hier in einem Philips-Werbeartikel der BAHN mobil, nur über die vermeintlichen Vorteile des Versuches auf: „Endlos lang Schlange stehen vorm Stadion – das war einmal: Bei der FIFA WM 2006 wird der Zugang zu den Spielstätten dank elektronischer Ticketkontrolle schnell gehen – ein Debüt bei einer internationalen Sportveranstaltung dieses Ranges. Jedes einzelne der 3,2 Millionen Tickets ist mit einem winzigen Chip zum kontaktlosen Austausch von Daten versehen. Die Nutzung ist denkbar einfach. Der Besucher hält seine Karte ans Lesegerät – das prüft blitzschnell, ob das Ticket zum Eintritt berechtigt. Der Vorteil: Niemand muss für Kontrollen stehen bleiben, die Fans kommen zügig ins Stadion.“[2]
Der Vorteil wird dank seiner Einfachheit und Schnelligkeit zum Nachteil. RFID sind in den Tickets versteckte selbstfunkende Radiochips, die das berührungslose Auslesen von Daten durch Radiowellen möglich machen. Die Antenne eines Lesegerätes sendet einen Funk-Impuls und der "Schnüffel-Chip" sendet eine weltweit einmalige Nummer zurück. Das Lesegerät gleicht die Nummer mit dem Eintrag in der oben beschriebenen Datei ab, und klärt die Berechtigung der BesucherInnen, den angefragten Bereich zu betreten. So kann über unscheinbare Antennen überall in den Stadien und drum herum berührungslos per Funk festgestellt werden, wer sich gerade wo aufhält. Komplette Bewegungsprofile werden technisch möglich sein – ohne dass die KartenbesitzerInnen es bemerken. Es ist nur eine Frage, wo man die Sendegeräte aufstellt, und wie weit sie funken. Die FIFA spricht von zehn bis fünfzehn Zentimetern, doch mit einfachem Funkamateur-Equipment sollen auch acht bis zehn Meter möglich sein.[3] Dann können die Stadiengäste nur hoffen, sich z.B. nicht in der Nähe von Krawallmachenden aufzuhalten. Es wäre nicht das erste Mal, dass das private Sicherheitspersonal bzw. die Polizei nach der Logik „mitgegangen, mitgehangen“ vorginge. Das Lesegerät weiß, dank Personalisierung, wo der oder die TicketbesitzerIn wohnt, und welche Telefonnummer anzurufen ist. Willkommen in der Kontrollgesellschaft!

13 Stadien mit RFID-Ticketingsystemen:

„Veltins-Arena“ in Gelsenkirchen
„Gottlieb-Daimler-Stadion“ in Stuttgart
„Fritz-Walter-Stadion“ in Kaiserslautern
Berliner Olympiastadion
Zentralstadion in Leipzig
„Signal Iduna Park“ Dortmund
„Commerzbank-Arena“ in Frankfurt
„AOL Arena“ in Hamburg
„AWD Arena“ in Hannover
„Rhein Energie Stadion“ in Köln
„Allianz Arena“ in München
„easyCredit-Stadion“ in Nürnberg
„Volkswagen Arena“ in Wolfsburg

[1] // www.aktive-fans.de/printable/01a9d793ed0d8ca08/01a9d793ed0d92a17/50146095d90d19303.html, download 3.12.05
[2] Bahn Mobil, März 2006
[3] CILIP 83 - WM 2006: Die Welt überwacht von Freunden 1/2006, S. 26
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Jungle World Nr. 33, 4. August 2004

City Monitoring
Leipzig arbeitet an seinem Image. Knapp 700 Überwachungskameras sollen für eine saubere und sichere Stadt sorgen. von michael arzt und peter ullrich

"Leipzig kommt!" oder "Leipziger Freiheit" – so heißen die absonderlichen Imagekampagnen der Stadtverwaltung, mit denen Investoren und Fördergelder angelockt werden sollen. Die Olympiabewerbung sollte dem gleichen Zweck dienen. Mit "Leipzig kommt!" sollte der ersehnte Aufstieg zur "ost-westlichen Drehscheibe für Handel und Kommunikation" (Engelbert Lütke Daldrup, Stadtbaurat) vorangetrieben werden. Es galt, das Bild von Leipzig als "Kriminalitätshauptstadt des Ostens" zu bekämpfen. [mehr]
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Unsere Stimmen kriegt Ihr nicht!

Am 10. April wird in Leipzig der Oberbürgermeister gewählt. Wir haben nachgeschaut, was die Kandidaten zum Thema Ordnung und Sicherheit sagen.

Wolfgang Tiefensee (SPD)
"Wilde Müllhalden, verwahrloste Grünflächen und geistlose Graffiti beeinträchtigen das Bild unserer Stadt. Ich werde gemeinsam mit der Leipziger Polizei und meinen Mitarbeitern des Ordnungsamtes und Stadtreinigungsbetriebes dagegen vorgehen und das Programm gegen illegale Graffiti ausbauen."
Barbara Höll (PDS)
"Wo Unordnung herrscht, kommt neue hinzu. Vandalismus werde ich nicht tolerieren, aber Videoüberwachung gibt nur einen Schein von Sicherheit.
Die Polizei sollte am Connewitzer Kreuz präsent sein, aber nicht unnötig reizen. Dass Fenster eingeschlagen werden, verhindert auch eine Videokamera nicht.
Zur Sicherheit im Alltag gehören die Mitarbeiter des Ordnungsamtes (deren Zahl eher aufgestockt als abgebaut werden muss)."

Robert Clemen (CDU)

robert clemen"Nichts markiert die Schwäche Leipzigs auf dem Gebiet der Sicherheit deutlicher als die Zögerlichkeit beim Einsatz der Videoüberwachung. Die Videoüberwachung muss an Kriminalitätsschwerpunkten erweitert werden. Auch an Brennpunkten wie dem Connewitzer Kreuz, um die Aktivitäten der autonomen Chaoten zu verhindern.
Graffiti-Schmierereien und Vandalismus müssen konsequent bekämpft werden."

Bernd-Rüdiger Kern (DSU)
"Das Thema innere Sicherheit wird in Leipzig zu klein geschrieben. Der Verfolgungsdruck auf Graffiti-Schmierer, den Drogenhandel und Linkschaoten in Connewitz muss größer werden. Das kann zum Teil geschehen durch verstärkte Videoüberwachung."
Ulrich Georg Kessler (FDP)
"Videoüberwachung verdrängt Kriminalität lediglich in andere Gebiete. Die Präsenz von Polizei und Kräften des Ordnungsamtes muss erhöht werden. Für mich sind illegal angefertigte Graffitis an Häuserwänden Sachbeschädigung."
(Quellen: Leipziger Volkszeitung, Wahlprogramme)
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