Donnerstag, 7. Dezember 2006

Making Trouble in Leipzig

Von Justus (Feierabend)

SH_Poster

In Sachen Videoüberwachung hat Leipzig eine Vorreiterrolle. Im April 1996 wurde hier die erste Polizeikamera zur dauerhaften Überwachung öffentlicher Plätze in Betrieb genommen. Dass sich dieses Datum im letzten Jahr zum zehnten Mal jährte, hat sich die 2003 gegründete Gruppe Leipziger Kamera - Initiative gegen Überwachung zum Anlass für ihre Kampagne „10 Jahre sind genug!“ genommen. Eine gut besuchte dreitägige Film- und Vortragsreihe unter dem Titel „[Del]+[Ctrl]“ Ende März letzten Jahres bildete den Auftakt der Kampagne. Seitdem hat die Leipziger Kamera mit Theaterperformances im städtischen Raum nach dem Vorbild der New Yorker Surveillance Camera Players auf sich aufmerksam gemacht. Anfang Dezember letzten Jahres fand ein weiterer Aktionstag statt.
Zur Unterstützung und als Ideengeber hatte die Leipziger Kamera sich die Space Hijackers aus London eingeladen. Das Anliegen dieser 1999 gegründeten Gruppe von „Anarchitekten“, AktionskünstlerInnen und PolitaktivistInnen ist nach eigener Aussage, „die Hierarchie zwischen Besitzern und Nutzern des öffentlichen Raumes in Frage zu stellen“. Diesem folgen sie mit Aktionen wie dem sogenannten „guerilla benching“. Auf einen Beschluss der Londoner Stadtverwaltung, Sitzbänke zu demontieren, da sonst damit nur Obdachlose und andere Randgruppen zum „Herumlungern“ ermutigt würden, reagierten die Space Hijackers indem sie selbst Bänke in der Londoner Innenstadt aufstellten.
Die Auftaktveranstaltung zu den Aktionstagen fand am 1. Dezember in der Galerie für Zeitgenössische Kunst (GfZK) statt. Es standen zwei Vorträge der beiden Space Hijackers Sam und Robin auf dem Programm, wovon einer sich mit Protest und Überwachung im öffentlichen Raum befasste, während der andere speziell auf die Aktivitäten der Space Hijackers einging. Mit etwa 60 Leuten war die Veranstaltung gut besucht, insofern schien dem Gelingen des folgenden Aktionstages nichts im Weg zu stehen.
Am darauffolgenden Tag versammelten sich ca. 50 Leute vor der GfZK. Nachdem alle die mitgebrachten Papier-Mülltüten mit Hilfe von Schere und Filzstiften zu praktischen „Überwachungskamera-Schutzhelmen“ umfunktioniert und sich über den Kopf gestülpt hatten, ging es im Pulk in Richtung Innenstadt und Hauptbahnhof. Auf dem Weg dahin wurden überwachte und nicht überwachte Bereiche mit kleinen Pappkärtchen markiert, um den Bürgern anzuzeigen, wo sie sich - dank Videoüberwachung - sicher bewegen könnten und wo nicht. Viele Orte, an denen man sich unsicher fühlen müsste, gab es in der flächendeckend überwachten Leipziger Innenstadt freilich nicht. Die Reaktionen der Passanten auf das Schauspiel reichten von verständnislosem Kopfschütteln und offener Ablehnung bis hin zu Erheiterung, Sympathie und glatter Begeisterung.
Vor dem Hauptbahnhof sollte dann eine, von den Space Hijackers kryptisch „Love vs. Hate - Let the eye in the sky decide this age old battle“ betitelte Aktion stattfinden (zu deutsch: „Liebe gegen Hass - Lasst das Auge im Himmel diese jahrtausendealte Schlacht entscheiden“). Dafür teilten sich die Anwesenden in zwei Gruppen, von denen eine den „Hass“, die andere die „Liebe“ repräsentierte. Durch entsprechendes Verhalten - Pöbeln, Schubsen und simulierte Prügeleien auf der einen, Umarmen und sonstige liebevolle Gesten auf der anderen Seite - wurde nun versucht, die Aufmerksamkeit der über dem Eingang zur Westhalle des Bahnhofs hängenden Polizeikamera auf sich zu ziehen. Trotz des großen Einsatzes aller Beteiligten scheiterte dies jedoch, da die Kamera gerade im Automatikbetrieb lief und es wohl kein Polizeibeamter für nötig hielt, das teilweise tumultartige Geschehen auf dem Bahnhofsvorplatz näher ins Auge zu fassen. Immerhin, auch das ist ein Ergebnis: Falls man tatsächlich einmal im Blickfeld einer Polizeikamera zusammengeschlagen würde, könnte man vermutlich nicht mit schneller Hilfe der Polizei rechnen. So wurde die Aktion nach zehn Minuten abgebrochen, die restlichen „Überwachungskamera-Schutzhelme“ und Flugblätter an die Passanten verteilt und anschließend noch das Innere des Hauptbahnhofs besichtigt.
Abends fand man sich wieder in der GfZK zusammen. Diesmal war neben einem weiteren Vortrag von Space Hijacker Karl noch eine Performance der New York Surveillance Camera Players angekündigt, die diese zur Unterstützung der Kampagne vor einer Webcam am New Yorker Times Square aufführen wollten. Diese begann auch pünktlich, innerhalb von zwanzig Minuten führten die New Yorker einige ihrer camera plays auf - kleine Theaterstücke mit Hilfe großer beschrifteter Papptafeln. Das alles konnte in der GfzK via Internet live verfolgt werden. Mit dem Vortrag von Karl, der sich dem Thema Videoüberwachung und Privatsphäre u.a. von dessen Auswirkungen auf die moderne Kunst her annäherte, endete der Abend.


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Drei Space Hijackers präsentieren ihre Überwachungskameraschutztüten.

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Unter der Polizeikamera am Martin-Luther-Ring (I)

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Unter der Polizeikamera am Martin-Luther-Ring (II)

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Space Hijacker

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Liebe vs. Hass – Lass das Auge im Himmel diese uralte Schlacht entscheiden… : Team Liebe (Die Gewinner)

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Liebe vs. Hass – Lass das Auge im Himmel diese uralte Schlacht entscheiden…: Team Hass

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Gruppenfoto am Bahnhofsvorplatz


Mehr Bilder:
http://www.spacehijackers.org/html/welcome.html
http://www.spacehijackers.org/html/projects/leipzig/index.html
http://www.spacehijackers.org/blog/2006/12/hijackers_arrive_in_leipzig_1.html#more
http://www.flickr.com/photos/46962372@N00/page1/
http://www.flickr.com/photos/46962372@N00/sets/72157594412309808/

Filme:
http://youtube.com/watch?v=1ONH7k4-W6Y
http://www.youtube.com/watch?v=JMRhvhteOSg

Presse:
http://www.dergrossebruder.org/times/20061201123158.html#
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